Mein Leben

Am 24. Oktober 1909 bin ich, Alice Emma Rechenberg, geborene Baumann in Arnoldsdorf, Kreis Briesen, Westpreußen, geboren worden. Meine Eltern sind: Gustav und Olga Baumann geborene Konopatzke. Vater geboren 22. Oktober 1878 in Bergwalde Kreis Briesen. Mutter geboren 19. Juni 1886 in Villisaß Kreis Briesen. Adolf, Paul, Max u. Rudolf sind meine Brüder. Ich war das zweite Kind meiner Eltern. Es war eine wunderschöne Zeit, mit meinen Brüdern aufzuwachsen und die Jugendjahre zu verbringen.

Am 04. August 1914 brach der erste Weltkrieg aus. Ich kann mich noch gut daran erinnern. Mein Vater war Stellmacher und arbeitete in der Werkstatt, als der Postbote ins Haus kam und einen Einschreibebrief brachte den Vater unterschreiben sollte. Mutter rief Vater. Er kam. Ich sah, wie seine Hände zitterten. Er hatte bereits geahnt, was der Brief bedeutete. Es war Vaters Stellungsbefehl, er mußte in den Krieg ziehen. Unsere Mutter war nun mit uns drei ältesten Kindern alleine. Vaters Schwester Paula kam dann zu uns und half Mutter bei den Arbeiten die im Haus, Stall und Feld gemacht werden mussten.

Eine große Freude war es jedesmal für mich, wenn unser lieber Opa mütterlicherseits aus Briesen zu uns kam. Ich war sein Liebling, daß merkte ich genau. Er half Mutter oft bei der schweren Feldarbeit. Vaters Schwester Emilie, die den elterlichen Hof im Bergwalde übernommen hatte und ihre Mutter versorgen mußte, blieb auch mit fünf kleinen Kindern alleine. Ihr Man wurde ebenfalls Soldat. Er kam nicht mehr zurück. Er hinterließ fünf Kinder und eine verzweifelte Frau. Das Leben mußte weitergehen. Wir Kinder besuchten mit Mutter oder mit Tante Paula oft Tante Emilie und Oma in Bergwalde. Wir konnten dort herrlich mit den Kindern spielen. Ich denke noch oft an den großen Backofen, der im Garten in der Erde eingebaut war. Tante backte darin das Brot, das sie für ihre Familie braucht. Oftmals, wenn das Brot fertig war, wurde nochmals mit Holz nach geheizt und herrlicher Hefekuchen gebacken, der uns Kindern wunderbar schmeckte. Im Herbst schälte Oma Äpfel und Birnen, von denen es reichlich im Garten gab. Das vorbereitete Obst wurde nach dem Brotbacken in den heißen Ofen gelegt und getrocknet. Wir Kinder konnten nicht genug davon bekommen. Der böse Krieg wütete vier Jahre. Mein Vater kam im Herbst 1918 gesund wieder und brachte uns Kindern einige Geschenke mit. Ich bekam Bücher, weil ich gerne lesen mochte. Deutschland hatte den Krieg verloren. Unser Westpreußen wurde den Polen zugeteilt. Dann waren wir plötzlich unter polnischer Herrschaft. Für uns schulpflichtige Kinder war es nicht mehr schön. Unsere deutschen Lehrer wanderten zum größten Teil nach Deutschland aus. Unsere beiden tüchtigen Lehrer verließen auch ihre Heimat. Wir bekamen nun einen Lehrer der Pensionsreif war. Dieser Ärmste sollte uns nun polnisch lernen. Weder er noch wir Kinder konnten ein Wort polnisch. Mit 13 Jahren wurde ich schon aus der Schule entlassen. Bruder Paul hatte Glück und bekam für die letzten 2 Jahre noch einen jüngeren deutschen Lehrer, der den Kindern noch einige Stunden in Deutsch unterrichten durfte. Zwei Jahre ging ich zum Konfirmandenunterricht und wurde mit 14 ½ Jahren konfirmiert. Unser Pfarrer war sehr tüchtig und erklärte uns so manches, was man im Leben brauchte und was wir in der Schule nicht gelernt hatten. Konfirmiert wurden wir von einem Pfarrer aus der Nachbargemeinde, denn unser Pfarrer wurde kurz vorher ausgewiesen.

Anfang des Jahres 1920 bekamen wir unser Geld in Zloty. Viele Deutsche wanderten aus nach Deutschland. Bauern verkauften ihre Höfe an Polen. Etliche von denen kamen aus Amerika und zahlten mit Dollar. Die Deutschen, die ihre Hab und Gut hier verkauft hatten, schmuggelten ihr Geld über die Grenze nach Deutschland und siedelten sich dort an. Viele von diesen Leuten wurden an der Grenze gefaßt und ihr Geld wurde beschlagnahmt. Nun waren sie bettelarm. Tante Emilie war auch auf diese Art nach Deutschland gelangt, hatte aber Glück und kam gut über die Grenze. Vorher hatte sie sich zum zweitenmal verheiratet. Unser Opa, Mutters Vater wanderte in der Zeit nach Danzig aus. Danzig war deutsch geblieben. In unserm Dorf wohnten nun auch drei polnische Bauern. Wir kamen gut mit ihnen aus, auch konnten sie unsere Sprache sprechen.

Als nun Hitler hier in Deutschland immer mehr Macht hatte, sahen wir an den Polen, daß sie uns nicht mehr so recht trauten. Sie dachten sicher, daß die Deutschen, falls ein erneuter Krieg ausbrechen sollte, ihnen in den Rücken fallen würden. Was aber niemals beabsichtigt war. Darum öffneten sie 1938 die Grenze nach Deutschland, damit die jungen Leute auswandern konnten. Meine Brüder Adolf und Paul, sowie mein späterer Ehemann auch, es was so ungefähr Mai oder Juni 1938. Das Leben ging weiter. Polen und Deutsche verhielten sich einigermaßen ruhig. Als am 1. September 1939 der Krieg mit Polen begann, sah es plötzlich anders aus. Wir waren nun mitten drin zwischen Flüchtlingen und polnischem Militär. Wir Deutsche versteckten uns so gut wie es ging. Meine Eltern, Bruder Rudolf und ich, sowie zwei Nachbarn aus unserem Dorf, flüchteten vor Angst am 3 September 1939 mit Pferdewagen, beladen mit den wichtigsten Sachen nach Kongreßpolen. Wir hielten uns dort bei Verwandten unserer Nachbarn auf. Am 9. September stand plötzlich deutsches Militär vor uns, wir fuhren nun wieder nach hause. Was wir antrafen war nicht einfach. Haus und Stalltüren alles stand offen. Schweine, Kühe und Pferde, alles lief herrenlos umher. Nach und nach fanden sich die Leute, die sich versteckt hielten, wieder ein. Es war gut, daß wir geflüchtet waren, denn viele hatten während dieser grausamen Zeit ihr Leben lassen müssen. Mein Bruder Max, der auf einem Gut als zweiter Inspektor tätig war, wurde mit dem ersten Inspektor am 1. September verschleppt. Das Gut gehörte einem deutschen Gutsherrn. Vier Wochen dauerte die Verschleppung. Die Ärmsten landeten in Warschau. Der Polenkrieg war zu Ende. Vollständig entkräftet und total ausgehungert begaben sie sich nach Hause. Viele von den Verschleppten kehrten nicht mehr lebend heim. Bruder Max schaffte es noch grade lebend heim zukehren. Auf der Flucht während des Polenkrieges, sah ich, als wir auf der Straße waren, die beiden Gespanne unsere Nachbarn hatten Soldaten die in unserem Dorf waren bei ihnen. Die Leute mußten von ihren Wagen steigen, am Straßenrand mit erhobenen Armen stehen bleiben. Ein paar Soldaten mit zielenden Gewehren vor ihnen. Wir kamen näher. Ich dachte, dies ist nun unser Ende. Das Geschrei der Kinder höre ich noch heute. Ich weinte heftig. Ein Soldat höheren Ranges kam auf uns zu und verlangte unsere Ausweise zu sehen. Als er zu mit kam sagte er: „nicht weinen“ gab mir mein Ausweis wieder und wir durften weiterfahren. Auch die Nachbarn durften ihre Wagen besteigen und fahren. Später stellte sich heraus, daß eine Nachbarin einem deutschen Flugzeug, das über uns kreiste, zugewunken hatte. Das hätte sie nicht tun sollen. Beinahe wäre es böse ausgegangen.

Im Herbst 1939 kamen meine Brüder und mein späterer Ehemann wieder zurück nach Westpreußen. Bruder Max wurde im Herbst 1940 eingezogen. Bruder Adolf heiratete am 9. Januar 1941. Ich hatte am 9. Februar Verlobung. Zu diesem Tag bekam Max Urlaub, es war der Erste und zugleich der Letzte. Am 28. Juni 1941 gingen Herbert Rechenberg und ich zum Standesamt und am 1. Juli 1941 wurden wir kirchlich getraut. Meine Hochzeit war alles andere als fröhlich, mußten wir doch damit rechnen, daß alle die jungen Männer, die an diesem Tage bei uns waren, eingezogen werden konnten. Nach unserer Heirat zog ich zu meinem Mann in das Nachbardorf Massanken, Kreis Graudenz, Westpreußen. Ende Juni 1941 fing der Krieg mit Rußland an. Wir sahen stundenlang die Militärwagen vorbeifahren, die zum Kampf nach Rußland anrückten. Bruder Max war nun als erster mit dabei. Er war auch der erste junge Mann aus unserem Dorf, der gefallen war. Es war der 28. Oktober 1941. Es war kaum zu fassen, daß unser stets fröhlicher Bruder nicht mehr nach Hause kommen würde. Unsere Eltern und wir Geschwister haben sehr darunter gelitten. Silvester 1941 bekam mein Mann auch Stellungsbefehl und mußte am 15. Januar 1942 zu den Soldaten. Damals dachte ich, die Welt müßte zusammenbrechen. Was sollte nun werden? Ich stand mit der Schwiegermutter alleine da. Wie sollten wir mit der Landwirtschaft fertig werden? Mein Mann wußte mich zu trösten, in dem er zum nachbarlichen Gut ging und den Schweitzer Karl Ronschke, den er bereits kannte, bat, ob er wohl als Arbeiter zu mir kommen würde. Ronschke sagte zu und so kam es, daß ich einen tüchtigen Arbeiter hatte, der mir all die schweren Jahre treu zur Seite stand.

Am 18. September 1942 wurde unser erster Sohn Manfred geboren. Ich war damals die glücklichste Mutter, die es wohl auf der Welt gab. Weihnachten kam mein Mann in Urlaub und hat dann zum ersten Mal sein Kind gesehen. Inzwischen war auch Bruder Paul Soldat geworden. Er kam am Ende des Krieges Gott sei Dank gesund zurück. Nach der Geburt meines Kindes bekam ich ein sechzehnjähriges Mädchen für die Sommerzeit zur Hilfe. Als das Mädchen wieder fort war, bekam ich eine Halbtagskraft für die Landwirtschaft im kommenden Frühjahr. Im Herbst 1944 mußte auch Bruder Adolf zu den Soldaten. Er hinterließ eine weinende Frau und zwei kleine Töchter ein und dreijährig. Adolf hat seine Lieben niemals wiedergesehen. Auch er wurde ein Opfer des Krieges. Anfang Januar 1945 wurde auch mein jüngster Bruder Rudolf Soldat. Er war 16 Jahre alt. Meine Eltern hatten nun vier Söhne und einen Schwiegersohn im Krieg. Es ging soweit alles gut, wenn nur die Angst vor einem erneuten Flüchten nicht gewesen wäre. Am 18. Januar war es dann leider doch soweit. Wir bekamen Befehl unsere Wagen zu beladen und uns zum Flüchten bereit zu halten. Am 22. Januar 1945 bekamen wir den Bescheid, daß wir los müßten. Die Hauptstraßen durften wir nicht benutzen. Sie wurden für das deutsche Militär freigehalten. Wir fuhren nun bei eisiger Kälte und tiefem Schnee auf den verschneiten Landstraßen Richtung Graudenz. Als unser Wagen voll beladen vom Hof abfuhr, hatten wir Betten, Wäsche, eine Kiste mit Speck und Schinken, sowie Hafer und Schrot für die Pferde und verschiedenes anderes aufgeladen. Ich ging noch einmal durch den Stall. Weinend dachte ich an unsere Tiere. Wer wird die wohl füttern? Unser Hund, der den Hof bewachte, heulte ganz fürchterlich. Es war, als wenn er wußte, daß wir wohl nie mehr heimkehren würden. Ich band ihn von der Kette los. Er lief freudig hinter unserem Wagen her und hielt sich ein paar Tage bei uns auf, dann war er verschwunden.

Die Straßen waren voller Flüchtlingswagen. Es war ein trauriges Bild. Nach ein paar Tagen hatten wir Pech, unsere Deichsel an denen die Pferde gespannt waren, brach kaputt. Wahrscheinlich waren wir irgendwo gegengefahren. Nun war guter Rat teuer. Mein tüchtiger Arbeiter wußte sich zu helfen. Er nahm das Beil, daß wir vorsichtshalber mitgenommen hatten, ging in den Wald, der in der Nähe war, hackte einen passenden Baum ab, fertigte eine Deichsel daraus und machte sie passend für den Wagen. Noch heute kann ich es kaum fassen, wie dieser Mann das allein bei den damaligen Verhältnissen in so kurzer Zeit schaffte. Die Nacht hatten wir auf der Straße verbracht. Als wir in der Nähe von Graudenz waren, landeten wir mit unserem Treck auf einem großen Bauernhof. Dort traf ich meine Eltern. Das Pferd hatte mein Vater in einem Stall untergestellt. Mutter saß auf dem Wagen und wußte nicht, wo Vater war. Nun hieß es plötzlich sofort weiterfahren. Ich lief in die Ställe und suchte das Pferd meiner Eltern. Ich kam noch gerade zur rechten Zeit, denn zwei Männer waren dabei das Pferd zu stehlen. Ich riß nun gewaltig mit den Leinen. Ich blieb Sieger. Dann suchte ich Vater und fand ihn an einer Gulaschkanone, wo er einen Teller heiße Suppe aß. Jetzt ging es weiter. Meine Eltern fuhren hinterher. Als wir an der Weichsel kamen, mußten wir über Eis fahren. Mein Vater fuhr als Erster den Wall herunter und dann über das Eis. Es war fürchterlich. Wir dann hinterher. Wir waren von den Wagen heruntergestiegen und gingen hinterher. Meinen Sohn hatte ich auf dem Arm. Es bestand ja die Gefahr, daß das Eis einbrechen konnte. Was ja dann auch später passierte. Viele Flüchtlinge sind auf diese Weise uns Leben gekommen. Nach der Fahrt über die Weichsel mußten wir über einen Damm fahren. Die Fahrt war genauso gefährlich. Mir läuft es noch heute kalt über den Rücken, wenn ich daran denke.

Die Fahrt ging weiter. Abends kamen wir in ein Dorf. Jedes Plätzchen war mit Flüchtlingen belegt. Wo sollte ich nun mit meinem Jungen bleiben? Wir hatten doch schon viele Nächte bei großer Kälte auf unserem Wagen verbracht. Vater fand doch noch eine kleine freie Stelle in einem größeren Raum, zwischen deutschen Soldaten. Ein Koffer, den ich bei mir hatte, diente meinem Jungen als Bett. Wir Erwachsenen hockten uns daneben. Hauptsache war für mich, daß mein Kind schlafen konnte. Warm war es hier auch. Pferde und Wagen waren bei Wind und Wetter ständig draußen. Die Tiere zitterten vor Kälte, obwohl wir sie mit Decken zugedeckt hatten.

Eines Morgens kam ich an unseren Wagen und sah, wie eine Frau dabei war, gerade mit unseren Decken zu verschwinden. Wieder kostete es mir Mühe, mein Eigentum zu behalten. Wir kamen nun in die Küchler Heide und landeten in den Dörfern Hoch-Paleschken und Alt-Paleschken. Wir durften nicht weiterfahren, denn deutsches Militär hatte Vorfahrt. Wir waren nun in einem Gasthof. Die Pferde mußten wieder draußen bleiben, weil die Ställe voller Flüchtlingspferde waren. Der Saal, in dem wir auf einem Strohlager Schlafen konnten, war auch voll belegt, aber wir fanden dann doch noch ein Plätzchen. In der Gasthausküche konnte ich meine Hühner kochen, die ich von Zuhause mitgenommen hatte. Ronschke besorgte aus einer Kartoffelmiete Kartoffeln. Dieses Essen war nun für meine Familie und für mich nach einer Woche oder sogar länger die erste warme Mahlzeit und dann auch für mehrere Wochen die Letzte. In diesem Ort verunglückte Vater schwer durch ein Hufschlag eines Pferdes. Es geschah, als er sein Pferd in der Scheune zwischen anderen Pferden unterbringen wollte. Ronschke und ich holten meinen Vater, der blutüberströmt zwischen den wild gewordenen Pferden lag dort heraus. Mutter weinte herzerweichend. Ich besorgte bei der Gemeinde einen leeren Wagen. Darauf betteten wir Vater, spannten unsere Pferde davor und brachten ihn drei Kilometer zurück zu einem Rotekreuzposten. Als wir dort ankamen, war es bereits dunkel. Mit Hilfe deutscher Soldaten brachten wir Vater in einen Raum und zu einem jungen Militärarzt, der die erste Hilfe leistete. Er stellte einen Schädelbruch fest und nähte an Vaters zerschlagenem Gesicht. Danach wurde er in ein Feldbett gebettet, unter der Aufsicht einer jungen Schwester. Der Arzt versprach uns, falls er bis zum nächsten Morgen dableiben durfte, wollte er sich um die Kranken, die dort untergebracht waren, kümmern. Er war leider am nächsten Morgen, als Mutter und ich Vater besuchen, nicht mehr dort. Als wir an der Haustür ankamen, hörten wir das Seufzenden und Stöhnen von Vater. Er war im ersten Stock untergebracht worden. Dort konnte ihm nicht geholfen werden. Daher bat ich die Schwester sie sollte meinen Vater doch so schnell wie möglich helfen, damit er in das nächste Krankenhaus kann. Es klappte auch bald, nachdem wir beim nächsten Besuch ein Stück Speck mitgebracht hatten. Die Schwester nahm es freudig an. Sie wollte damit den Speiseplan ihrer Kranken verbessern. Die Not war während dieser bösen Zeit sehr groß. Vater war nun im Krankenhaus in der Stadt Behrend eingeliefert worden.

Nach ein paar Tagen waren die Straßen wieder frei und wir durften weiterfahren. Als wir in der Stadt Behrend ankamen suchten wir Vater auf. Er lag in einem Saal mit ungefähr 10-12 Betten. Die meisten Kranken lagen dort mit erfrorenen Gliedern. Vater lag bleich und elend in seinem Bett. Er konnte doch nicht essen. Ich glaube seine Zähne und sein Gaumen alles war zerschlagen. Der Chefarzt mit dem ich sprach, erklärte mir falls Vater gesund werden sollte, würde er auf einem Auge blind sein, die eine Gesichtshälfte und der Beckenknochen waren zerschlagen. Vater gab uns zu verstehen, daß wir uns bei seiner Schwester treffen sollten, die im Kreis Soldin, Neumark, einen größeren Bauernhof besaß. Damals dachten wir doch nicht, daß am Ende des Krieges ganz Deutschland am Boden liegen würde. Vaters Schwester hatte auch ihr Hab und Gut restlos verloren, was wir später erfuhren.

Unsere Fahrt ging weiter, durch die Städte Köslin, Bütow und Schlawe in Pommern. Ich wollte mich bei der Post in Bütow über Vaters Zustand informieren. Leider klappte es nicht mehr. Die Telefonleitungen waren zerstört. Deutschland war zum größten Teil auf der Flucht. Eines Abends landeten wir auf einem Flugplatz. In der Nähe waren Baracken. Dort wollten wir Übernachten. Leider klappte es nur für ein paar Stunden, Da wir so schnell wie möglich über die Oderbrücke wollten. Wir kamen glücklich rüber und dankten Gott, daß wir es geschafft hatten, denn im Morgengrauen wurde die Oderbrücke gesprengt. Es gab einige Verwundete, die uns davon berichteten. Jetzt ging es uns etwas besser. Wir bekamen schon mal etwas Warmes zu essen, auch Brot und Milch für unsere Kinder.

Mit dem Übernachten war es noch schlimm. Eine Nacht verbrachten wir einmal in einer kalten Kirche. Es ging weiter, immer weiter. Ganz besonders gefährlich war es, wenn wir über Autobahnen fahren mußten. Vor uns Wagen, hinter uns Wagen und zu beiden Seiten Wagen. Es war furchtbar. Die Pferde rutschten auf den glatten und gefrorenen Straßen aus. Die Wagen mußten, wen es bergab ging, gebremst werden, indem jemand neben dem Wagen ging und einen Knüppel in eines der Räder steckte. Es wäre kein Wunder gewesen, wenn einer dabei unter einen Wagen geraten wäre. Vor Prenzlau hatten wir unsere Pferde irgendwo in einem Stall untergestellt. Als wir morgen weiterwollten, war eines meiner Pferde nicht mehr fähig aufzustehen. Es war vollständig entkräftet. Wir verkauften nun unsere Pferde an andere Flüchtlinge. Wir waren nur noch vier Familien. Nachdem wir unsere Wagen stehen lassen mußten, wurden wir auf einem großen Wagen eines Bauern nach Prenzlau gebracht. Unser Hab und Gut hatten wir auch bei uns. Vor Prenzlau nahmen uns Militärwagen mit und brachten uns nach Perleberg. Hier landeten wir in einem größeren Raum. Dort waren Tafeln aufgestellt, die mit den Reisezielen der Flüchtlinge beschriftet waren. Wir, die aus dem Kreisen Briesen und Graudenz kamen, sollten in den Kreis Lüchow-Dannenberg aufgenommen werden. Wir besorgten uns Anhängekarten, versahen sie mit unseren Namen und den Ort Bergen Dumme, banden diese Karten an unseren Gepäckstücken. Einen Teil dieser Sachen durften wir in den Keller des Hauses, in dem wir nun waren, abstellen. So viel wie wir tragen konnten, nahmen wir mit und begaben uns zum Bahnhof. Der Zug war überfüllt. Wir standen ratlos da und wußten nicht weiter. Aber als wir mit Speck und Schinkenstücken kamen hatten die damaligen Bahnbeamten doch noch für uns vier Familien Raum geschaffen.

Über Salzwedel kamen wir nun auf dem Bahnhof Bergen an. Ein Pferdewagen brachte uns in den Ort Bergen Dumme. Es war der 16. März 1945. Hier bekamen wir auf dem Schulhof ein Mittagessen. Ein guter Nachbar sorgte dafür, daß wir bei ihm baden konnten. Es war eine Wohltat für uns. Denn wochenlang ungewaschen zu leben ist ganz fürchterlich. Wir wurden bei Bewohnern in Bergen untergebracht. Meine Mutter, mein Sohn und ich kamen in das Haus zu Frau Schneider. Ein Hamburger Ehepaar wohnte bereits schon länger dort. Die Häuser in Bergen waren alle voll mit Flüchtlingen belegt. Meine Schwiegermutter, die vollständig entkräftet war, konnte kaum noch gehen. Sie hatte die ganze Zeit auf unserem Wagen zugebracht. Sie bekam ein Zimmer und Verpflegung im Jeberjahn-Stift, wo sie dann im Jahr 1946 verstarb. Mein treuer Arbeiter, der mir all die Wochen helfend zur Seite stand, fand eine Bleibe in der Bäckerei Melzian als Hofarbeiter. Im Jahre 1946 verließ er Bergen. Im Mai 1945 war der Krieg beendet. Deutschland lag völlig zerstört am Boden. Langsam normalisierte sich unser Leben. Die Post tat wieder ihren Dienst. Sie beförderte unsere Briefe, so daß wir wieder mit Verwandten und Bekannter zusammenkamen. Auch mein Mann fand uns auf diese Weise wieder. Es war Ende Juli 1945. Ich war mehr als glücklich hatte ich doch nun meinen Mann an meiner Seite und alles war längst nicht mehr so schwer. Wir arbeiteten beide um Geld für unser Leben zu verdienen. Bevor der Krieg beendet war, es war im März, reisten wir per Bahn noch mal zurück nach Perleberg und holten uns einen Teil unserer Sachen wieder. Den Rest schafften wir zur Bahn. Der wurde uns glücklicherweise auch noch zugestellt.

Am 16. Juni 1947 wurde unser zweiter Sohn Dieter geboren. Wir waren glücklich mit unseren beiden gesunden Kindern. Im Jahr 1948 bekamen wir die neue Währung. Mein Mann arbeitete auf einen Bauernhof im Bergen (Stoffregen), als Wirtschafter. Seit Anfang des Krieges quälten mich immer öfter heftige Magenschmerzen. Dieser Zustand dauerte 19 Jahre. Unsere Söhne kamen zur Schule, danach in die Lehre und erreichten alles, was sie sich vorgenommen hatten. Mein Mann und ich hatten nur Freude an unseren Kindern. Sie hatten uns niemals Kummer oder Sorgen breitet.

Im Dezember 1957 bezogen wir unser Haus im Bergen in der Neuen Straße, in dem ich noch heute wohne. Im Jahre 1960, es war am ersten Ostertag, mußte ich eine schwere Darmoperation über mich ergehen lassen, an den Folgen ich noch heute leide. Am 12 Januar verlor ich meinen lieben Mann und meine Söhne ihren guten Vater. Es war für uns der schwerste Tag unseres Lebens. Ich dachte die Welt müßte untergehen. Nun war ich wieder alleine. Mein Sohn Manfred hatte 1970 geheiratet. Sohn Dieter heiratete 1971. Ich bin nun Großmutter von vier Enkelsöhnen. Am 4. Dezember 1974 starb meine Mutter.

An Krankheiten habe ich in meinem Leben viel mitgemacht. 16. mal war ich in verschiedenen Krankenhäusern. 5 Mal wurde ich operiert, letztmals im Juli oder August 1975 am Glaukom. Am 16. Mai 1984 in Hannover grauer Star. Am 24. April 1987 Darmoperation in Uelzen. Meine Kinder sorgten sich rührend um mich. Nach diesen schweren schmerzvollen Tagen durfte ich bei ihnen bleiben. Meine Schwiegertöchter taten alles Gute für mich und pflegten mich so gut wie sie es neben ihrer Arbeit tun konnte. Ich konnte mich nicht beklagen. Auf meinen Wunsch brachten mich meine Söhne, als es mir wieder gut ging, zurück nach Bergen.

Zum Schluss möchte ich noch etwas über meinem Vater berichten. Eine Bekannte aus unserm Dorf mit Namen Ruth Müller besuchte ihren Vetter, der auch im Krankenhaus Berend mit erfrorenen Füßen lag. Der Vater war in demselben Krankenzimmer untergebracht, in dem auch mein Vater lag. Ruth Müller teilte uns später mit, daß Vater aus dem Bett gefallen war und zwar auf sein zerschlagenes Gesicht. Sein Kopf war dick geschwollen. Ruth Müller hätte gerne ein paar Worte mit ihm gesprochen, aber er war nicht mehr ansprechbar. Er war sehr, sehr krank. Man brachte Vater aus dem Zimmer. Es hieß, die Schwerkranken sollten zurück nach Danzig gebracht werden. Seitdem haben wir nichts mehr von ihm gehört. Auch der Suchdienst, an den wir und später gewandt hatten, konnte nicht helfen, etwas über Vater in Erfahrung zu bringen. Jetzt bete ich täglich für meine Kinder und ihren Familien, daß ihnen unser Herrgott vor so viel Angst, Schrecken, Leid und Schmerzen wie ich es erlebt habe, bewahren möcht.

Alice Rechenberg, Bergen den 18. Februar 1993

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